5 wichtige Begriffe im Umgang mit Autismus

Die Autorin sitzt auf einer Schaukel. Unter ihr Strand, vor ihr der Ozean.
Autimus ist mehr als „Primzahlen und Emotionslosigkeit“

Wenn man sich mit Neurodivergenz und Autismus beschäftigt bleibt es nicht aus, dass man zwangsläufig auch über diverse Begrifflichkeiten stolpert. Meltdown, Overload, Stimming und Shutdown sind nur einige der Begriffe, die einem dahingehend immer und immer wieder begegnen. Doch was ist eigentlich ein Overload? Wie fühlt sich ein Shutdown an und was passiert wenn jemand stimmt? Da ich durch meinen Instagram Kanal und das Beschreiben meiner Gefühle und Zustände immer wieder mit den selben Fragen konfrontiert wurde, habe ich eine Definition der Begrifflichkeiten und wie es sich für Betroffene (aus meiner Sicht, ich erhebe natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit) anfühlt, zusammengefasst.

1. Stimming

Oft werde ich gefragt, ob man Stimming bei Autimus mit Tics gleichsetzen kann. Kann man nicht. Stimming bedient einen Zweck, es dient zur Selbstregulation und Beruhigung und kann, im Gegensatz zu Tics, die wie bei Tourette unwillkürlich auftauchen, gesteuert werden.

Manche Autist*innen haben von kleinauf Strategien und Stimms, die es ihnen ermöglichen an einem neurotypischen Tagesgeschehen teilzuhaben. Andere Stimms werden im Laufe der Zeit entdeckt, erarbeitet oder auch antrainiert. Stimming kann sowohl körperlich durch lautieren oder Bewegung stattfinden, anderen Autist*innen reichen aber auch schon sensorische Reize, wie zum Beispiel das Drehen einer Münze oder ein besonders weicher Pullover.

Während meine Tochter noch recht offensichtliches Stimming betreibt (und ich hoffe sie muss es niemals ablegen) wie zum Beispiel Summen, hüpfen und mit den Händen und Armen flattern, musste ich im Verlauf meines Lebens feststellen, dass es Gesellschaftlich nicht anerkannt ist seine Stimms in der Öffentlichkeit auszuleben und habe deshalb angefangen mir Ausweichstrategien zu suchen, um mich selbst regulieren zu können. So wippe ich mit den Beinen, spanne Muskeln an oder spiele unentwegt in meiner Tasche mit Haargummies oder Verpackungsmaterial.

Besonderes Essen, körperliche Berührung, Musik, Sex- die Bandbereite an Stimms ist so breit wie das Spektrum selbst und im Laufe des Lebens können sich die Vorlieben auch immer wieder ändern und verschieben.

2. Overload

Stell dir vor du bist in einen kleinen Raum gesperrt, es wird laute Musik gespielt die du nicht magst und ein Stroboskop blendet dich unentwegt mit grellweissem Licht. Dazu spürst du, ohne es steuern zu können, ständig ein kitzeln, pieksen oder stechen. Alles zur gleichen Zeit. Klingt grausam und so, als ob all deine Reize auf einmal komplett überflutet werden würden? Herzlichen Glückwunsch- du hast einen Overload.

Während für neurotypische Menschen ein Overload recht selten auftritt, haben Autist*innen schnell mit Überreizung zu kämpfen. Bei Menschen aus dem Autismusspektrum wirken Reize wesentlich intensiver und sie haben Mühen, die aufgenommenen Reize zu verarbeiten. Das falsche Licht, zu viele Menschen, eine fremde Umgebung- aus einer Kleinigkeit kann schnell eine ausgewachsene Überforderung entstehen und daraus kann es zu körperlichen Symptomen kommen.

Ein Auszug aus einem meiner Overloads

>>Du entfernst dich. Schritt um Schritt. „Was tut er denn nur“ höre ich mich sagen, „wo geht er denn hin?“. Noch ein Schritt. Immer weiter weg von mir. Außer meinem Herz höre ich nichts mehr. Tränen steigen auf. Mein Blick verschwimmt.<<

3. Meltdown

Wenn nichts mehr geht. Nach einem Overload, der nicht abgewandt werden konnte, folgt zwangsläufig ein Meltdown oder Shutdown. In den Jahren, die ich mich nun mit Autismus beschäftige, konnte ich beobachten, dass gerade bei Kindern ein Meltdown unumgänglich zu sein scheint. Bei Erwachsenen dagegen konnte ich eher beobachten, dass sie die Komplexität eines Meltdowns entweder kanalisieren konnten oder weniger Impulsiv ausleben, sogar eher zu einem Shutdown neigen. Doch was ist eigentlich ein Meltdown?

Per Definition ist ein Meltdown eine reflexartige Handlung, die nicht kontrolliert werden kann. Sie äussert sich in Schlagen, Schreien und nicht selten selbstverletzendem Verhalten. Bei Kindern ist es oft genau dieser Punkt, der Eltern aufmerksam werden lässt. Aus einer vermeintlichen Kleinigkeit raus eskaliert eine Situation. Das Kind ist in einem Meltdown nicht mehr ansprechbar und kann auch in den seltensten Fällen eine Berührung akzeptiere oder aushalten. Eltern finden meistens keinen Zugang zu ihren Kindern und verzweifeln beim Wunsch, das Kind zu beruhigen und trösten. Ein Meltdown kann sich über Stunden ziehen und endet oftmals im Shutdown.

Ein Auszug aus einem Meltdown meiner Tochter

>>Doch du schreist. ich darf dich nicht anfassen, nicht angucken, alles ist falsch. Dein kleiner Kopf ist voller Emotionen, die du weder kanalisieren noch ausdrücken kannst. Und deshalb bist du laut. Sehr laut. Meine Nervosität wird zu Ungeduld. Ich will dir helfen, ich weiß nicht wie. Meine Hilflosigkeit äußert sich in irrationalen Taten.<<

4. Shutdown

Stell dir vor dein Kopf ist ein Computer. Du öffnest einen Tab nach dem anderen und schaffst es einfach nicht einen einzigen zu schliessen. Plötzlich geht nicht mehr. Die Maus reagiert nicht mehr, keine Taste tut was sie soll. Dein Computer schaltet sich ab um sich vor dem Durchbrennen der Platine zu schützen. In meinem und den Köpfen vieler aus dem Autismusspektrum sieht es ähnlich aus.

Manchmal, da bekomme ich den Overload gar nicht mit, an anderen Tagen kann ich spüren wie es mich wie eine Welle überrollt und in die Knie zwingt. Bei Kindern äußert sich ein Shutdown oft mit sofortigem einschlafen. Bei Erwachsenen kann der Shutdown sich in verschiedenen Arten äußern. Wie es bei mir ist habe ich in einem meiner Texte verarbeitet.

Ein Auszug aus den Gefühlen, die ein Shutdown in mir auslöst

>>Ich werde leise. Kann nicht mehr sprechen, jedes Wort bereitet mir Mühe. Jeder Gedanke schmerzt. Meine Atmung wird flacher, ich drücke mich fester in meinen Sitz, kann mich kaum noch spüren. Mir ist schlecht.<<

5. Masking

Die Königsdisziplin im Autismus ist für mich das sogenannte Masking. Es beschreibt das vorspielen und vortäuschen von gesellschaftlich akzeptiertem sozialen Miteinander. Was für neurotypische Menschen ganz einfach und selbstverständlich ist wie jemand während eines Gespräches in die Augen zu sehen oder einfachen Smalltalk zu betreiben bedeutet für die meisten Autist*innen eine enorme Kraftaufbringung und Anstrengung.

Die gesellschaftliche Akzeptanz von Stimming, Meltdowns und Shutdowns liegt bei Null. Autismus wird noch immer viel zu oft mit einem Menschenbild in Verbindung gebracht, für das ich Hollywood verantwortlich mache: Ein hochbegabter Mensch mit Inselbegabung, der/die sich in Primzahlen unterhält und ansonsten schaukelnd in einer Ecke sitzt.

Wer dazu in der Lage ist, hat schon früh gelernt (lernen müssen) welche Erwartungen erfüllt werden müssen und sich dementsprechend angepasst. Etwas, das Mädchen und Frauen in den meisten Fällen leichter fällt, weswegen es bei ihnen eher zu Fehldiagnosen kommt.

Auszug aus einem meiner Texte über Masking

>>Ich leide, weil mich der Kontakt mit Menschen körperlich fertig macht. Der Kaffee mit der Nachbarin erzeugt Migräne und dem Postboten öffne ich niemals die Tür. Ein Telefonat ohne Vorbereitung werde ich nie führen können und selbst dann werde ich am Ende des Gesprächs das Gefühl haben einen Marathon hinter mir zu haben.<<

Autismus ist Mehr

Natürlich ist das Leben im Spektrum mehr, als diese Begrifflichkeiten. Es ist mehr als das, was ich dabei empfinde oder als pflegender Elternteil sagen kann. Autismus ist keine Schublade, kein Stempel oder ein Label. Kennt man eine*n Autist*in kennt man eine*n Autist*in, nicht mehr, nicht weniger. Doch von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Verständnis, mehr Sichtbarkeit und mehr Inklusion für unsichtbare Behinderungen. Mehr Akzeptanz und Achtsamkeit. Und beginnen tut es bei jede*m Einzelnen von euch.


Wenn ihr Lust habt weitere Texte von mir zu lesen schaut doch mal bei „Gedankenentwirrung“ vorbei.

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