Mütterkampftag- und was die Zeugen Jehovas damit zu tun haben

6ABA8CE2-9A68-449E-B2A4-55CF4270940DAls ich heute über den Muttertag gesprochen habe, habe ich von Extremen gesprochen. Extreme, die dafür sorgen, dass ich jetzt an diesem Tag sehr planlos bin und nicht weiß was ich erwarte oder wie ich mich fühlen soll.

Meine Erinnerungen an Muttertage sind negativ belastet. Meine Oma, eine sehr missgünstige und schwierige Frau, hat sehr viel Wert auf diesen Tag gelegt. Der Druck auf meiner Mutter war schon in Kindertagen groß. Basteln, Geschenke, Blumen; materielle Dinge waren für meine Grussmutter schon immer von grosser Bedeutung und haben so die Kindheit meiner Mutter als auch meine schwer geprägt. Mit meiner Geburt wurde der Druck und die Belastung, die auf meiner Mutter lag noch größer. Denn nicht nur sie musste nun “abliefern”, sondern auch ich wurde Teil dieses toxischen Leistungsdruck den Tage wie Muttertag, Geburtstage und Weihnachten mit sich brachten.

Es wurde nicht nur eine Gratulation erwartet, sondern auch materielle Geschenke. Diese sollten bestenfalls selbst gestaltet sein. Ich habe basteln schon als Kind eher ungern betrieben und habe keine Erinnerung an einen Tag an dem ich gelobt wurde, viel mehr wurden meine Arbeiten bemängelt und ich wurde darauf hingewiesen, dass ich mir ja wenigstens an Muttertag mal Mühe geben könnte. Dies war für meine Entwicklung und mein Selbstwertgefühl natürlich eher kontraproduktiv, etwas, an dem ich bis heute zu knabbern habe.

In der Pubertät wagte ich mal zu bemerken, dass sie ja nicht meine Mutter ist und meine Mutter von mir jeden Tag geliebt wird. Das brachte mir eine saftige Ohrfeige, einen heftigen Streit und, immerhin etwas, drei Tage beleidigtes schweigen. Dass meine Mutter aus dieser Spirale aus Druck, Tyrannei und erzwungener Liebe ausbrechen wollte ist mir mehr als verständlich, es „Besser machen“ als die eigenen Eltern, einem Kind bedingungslose Liebe zu teil werden lassen. So wuchs ich also in einer Mischung aus Leistungsdruck und Ignoranz auf, denn zu Hause wurde so viel auf den Tag geschimpft, dass er schlichtweg aus meinem Leben gestrichen wurde. Was ich heute bemängele und uns beiden sicher geholfen hätte, ist die reflektier. Warum dieser Tag so negativ belastet war. Natürlich wussten wir beide ob des Drucks, der auf dem jeweils anderen lag. Aber vorgeschoben wurde Kommerzialität, Mainstream und fehlendes Interesse. Interesse, dass, wie wir heute Festellen durften, eigentlich da war, aber fehlinterpretiert wurde.

Das andere extrem ist mein Mann. Er verbrachte seine Kindheit geprägt durch die Sekte “Zeugen Jehovas” und dem damit verbundenen Verzicht auf jegliche Feste und Feierlichkeiten. Er betont auch heute noch, dass er in seiner Kindheit nichts vermisst hat, da er es nicht anders kannte. Trotzdem genießt er die Feste die wir für unsere Kinder organisieren und ist das größte Kind mit den strahlendsten Augen. Bedeutet für mich natürlich mit der Organisation grundsätzlich allein zu sein, denn er hat ja schlicht keine Ahnung was zu einem gelungenen Kindergeburtstag gehört.

Ebenso weiß er im Umkehrschluss nicht, wie traditionelle Tage wie Muttertag, Weihnachtsabende oder Ostern tatsächlich ablaufen. Das erschwert natürlich auch die Kommunikation und meine Erwartungshaltung. Denn weiß ich auf der einen Seite, dass er keine Ahnung hat was ich erwarte, kann ich es ihm ja aber auch nicht sagen, denn ich möchte ja gerne das, dass ich ebenfalls nur aus Film, Fernsehen und Social Media kenne. Ein Teufelskreis aus dem Auszubrechen für uns beide unmöglich scheint, denn solange keiner so genau weiss, was der andere und vor allem man selbst eigentlich will und es auch niemand schafft es dem Partner zu kommunizieren drehen wir uns im Kreis.

Vor einiger Zeit habe ich mich nun also von der toxischen Großmutter gelöst und Abstand gewonnen. Ich habe meine Beziehung aufgearbeitet und reflektiert, was ich eigentlich wirklich nicht mag und was ich nur ablehne, weil ich es mit Druck und Zwang verbinde. Das Gleiche habe ich mit der Beziehung zu meiner Mutter gemacht, nur ohne Abstand, das Verhältnis zu meiner Mutter ist so eng wie eh und je. Aber wir haben reflektiert. Und auch sie kam heute zu dem Schluss, dass sie all die Jahre  auf etwas verzichtet, ja es sogar strikt abgelehnt hat, aus Trotz und Selbstschutz, weil es in ihrem Kopf und Herzen nur negativ belastet war.

Eine schmerzhafte Erfahrung für uns beide. Für mich als Tochter, die ihrer Mutter auch gerne mal eine Freude bereitet hätte, aber aus Angst vor Ablehnung nichts tat und auch für meine Mutter, die nun nach all den Jahren merkt, dass ihr ein Muttertag nichts Böses wollte. Und auch rückblickend auf ihre Erziehung musste sie sich ja nun eingestehen, dass sie mit guter Absicht ind ie falsche Richtung gehandelt hat. Und obwohl sie dieses Jahr zum ersten Mal frei und ohne Druck war, fühlte sie sich leer und inhaltslos. Denn nun, weit über 50 muss sie für sich entscheiden, welchen Stellenwert dieser Tag und das damit verbundene Gefühl für sie hat.  Und was heißt das nun für mich, die selbst Mutter geworden ist?!

Mein Fazit ist, dass ich es schlicht und ergreifend nicht weiß. Ich bin eine Mutter und ich möchte meinen Kindern frei stellen ob sie diesen Tag nutzen wollen oder nicht. Ich werde sie an 365 Tagen lieben und das bedingungslos. Ich werde mich allerdings nicht wehren, wenn sie einen Tag im Jahr nutzen wollen um mir besondere Wertschätzung entgegen zu bringen. Ganz ohne Druck von außen. In den Nächsten Jahren werden wir verschiedene Dinge ausprobieren und vielleicht so eine neue Tradition schaffen. Ganz an unsere Bedürfnisse angepasst. Dieses Jahr gab es Pizza, Disneyfilm und Waffeln und ich muss zugeben, dass ich schon schlechtere Tage hatte.

Und vielleicht wird dieser Tag für mich immer aber auch eins sein: ein Mütterkampftag. Denn an diesem einen Tag werde wir gesehen, warum also nicht für die Sache nutzen? Carearbeit sichtbar machen, Mütter vor Altersarmut schützen, Familie als Modell tragbar machen. Welcher Tag würde sich denn besser eignen, als Muttertag, um sich für die Rechte und die belange einer Frau in der Rolle als Mutter einzusetzen?

Gleichberechtigung, Ehegattensplitting, Alleinerziehende in einer Abwärtsspirale, finanzielle Abhängigkeit. All diese Dinge sind das ganze Jahr über präsent, doch an diesem einen Tag, da wird kein Strauss Blumen unsere Probleme lösen. Seid laut, Mütter dieser Welt. Für euch, für eure Kinder. Und genießt euren Tag. Feiert euch. Auf uns!

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