Wir ertrinken!

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Wir müssen jetzt zusammenhalten. Wir sitzen doch alle im Selben Boot

Sauer stößt mir diese Floskel auf in den letzten Tagen. Denn immer wieder reden damit entweder Eltern ihre Situation klein oder, und das ist die Mehrheit, sind es privilegierte Menschen ohne finanzielle Einbußen oder Betreuungsproblemen, die gönnerhaft darauf hinweisen, dass sie ja auch zwei Tage die Woche ohne ihr Au-pair klar kommen müssen. 

Mag sein, dass wir auf dem selben Meer schwimmen, aber während manche von uns auf einen Stück Holz treiben sitzen andere in ihren Liegestuhl auf einem Kreuzfahrtschiff und drohen damit die übrigen in die Tiefen zu reißen. Dass unsere Gesellschaft ein Schichtenproblem hat war nie ersichtlicher als in Zeiten der Pandemie. 

Kein Platz für Familien in unserem System, für Alleinerziehende. Für Kinder. Wichtig ist es die Autohäuser zu pushen, die Textilbranche. Carearbeit ist keine Arbeit, Homeoffice mit Kind eine Sache der Einstellung. Hängen bleibt die Fürsorgearbeit zu 90% an der Mutter, natürlich macht sie das gerne und verzichtet für das Lächeln ihrer Kinder sehr gerne auf eine faire Bezahlung und, was noch wichtiger ist, eine Rente. 

Wir Eltern sind Seelsorger, Lehrer, Erzieher, Köche, Mediatoren, Clowns, Entertainer, Pfleger, Gärtner, Disponenten, Sekretäre, Taxis, Banker, Architekten, Reinigungskräfte, Psychologen, Animateure und das alles neben unserem Hauptjob. 

Ich liebe meine Kinder. Ich genieße diese Zeit hier gerade sehr. Als Mutter ging es mir nie besser. Auch meine Töchter profitieren von der gemeinsamen Zeit als Familie.  Doch als Frau bleibe ich auf der Strecke. Und das Boot in dem ich sitze hat ein großes Loch. 

Der Beruf meines Mannes ist Kalibriertechniker für die Deutsche Bundeswehr. Seit gestern wird sein Beruf als Systemrelevant eingestuft. Er kalibriert Waffensysteme. Was genau daran Systemrelevant ist konnte mir leider niemand erklären. Die Tatsache, dass er nur jeden dritten Tag arbeiten soll scheitert an den Kollegen. Risikogruppe, Elternzeit, Urlaub- darunter leiden tut vor allem einer: ICH!

Denn die, natürlich unbezahlte, Carearbeit fuer unsere zwei Töchter hängt natürlich somit zu 75% bei mir. Einen Ausgleich oder Freizeit zur Kinderbetreuung abgelehnt mit der Begründung, dass ich ja sowieso zu Hause bin als Selbständige. WTF?! Ob die Herren schonmal versucht haben drei gerade Sätze aufs Papier zu bringen, während zwei Kinder links und rechts am Bein hängen und Feuerwehr spielen ist und bleibt fraglich.

Und generell Kinder, lasst uns doch mal über Kinder reden und über die Tatsache, dass jeder Hinz und Kunz in den nächstgelegenen Laden stapfen kann um die Wirtschaft anzukurbeln, es aber fuer Familien mit Kindern nicht möglich ist einen Spielplatz zu besuchen. Davon mal angesehen, dass eine Studie über die Wahrscheinlichkeit von Kindern als Infektionsgefahr gänzlich fehlt. Ebenso wie die Studie darüber, was fehlende Sozialisierung durch Isolation mit den, nicht nur kerngesunden, Kindern anstellt. Denn besonders die mit be_hinderung, die mit Förderbedarf und fehlenden Therapien machen immense Rückschritte und leiden.

Ich verstehe den Aufschrei nach Wiedereröffnung der Betreuungseinrichtungen. Ich verstehe die Verzweiflung und die Tatsache, dass wir Eltern einfach am ertrinken sind, in unserem Ozean. Doch meiner Meinung nach ist eine Wiedereröffnung der Schritt in die falsche Richtung. Und statt über Fussballspiele zu diskutieren sollten sich unsere Politiker vielleicht einmal überlegen, wie sie uns Familien (finanziell) unterstützen und uns einen Rettungsring zu werfen, bevor das Gesundheitssystem nach der Pandemie durch psychisch labile Eltern zusammenbricht.

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