Der Kategorische Imperativ|Durch Selbstreflexion ein besserer Mensch?

Vor kurzem erreichte mich auf Instagram eine Nachricht. Eine Nachricht, die mich erst verletzt hat, dann wütend und letztendlich zum Nachdenken angeregt hat.In dieser Nachricht wurde ich schwer dafür verurteilt, dass ich meine kranke, zahnende, schlecht gelaunte Tochter, der man es zu diesem Zeitpunkt nicht im Entferntesten recht machen konnte, als ätzend bezeichnet hatte. Ich wurde als undankbar für mein gesundes, wunderschönes Kind hingestellt und der Erstellerin brach der Gedanke, dass ich so etwas auch zu ihr sagen könnte, das Herz.

Selbstreflektierend wie ich bin, war ich zu erst einmal sprachlos. Wie konnte diese Frau, diese Fremde, behaupten, ich würde meine Tochter nicht lieben. Aufgrund einem Moment der Schwäche, aufgrund einer Aussage zu einem Seelenstrip, einem Moment der Überforderung. Wie konnte sie, nach all meinen Posts, nach unserer Geschichte, nach all dem was dieses kleine Mädchen und ich in den ersten 4 Monaten ihres Lebens ertragen und -erleiden mussten so herzlose Worte aussprechen. Salz in die Wunde streuen, die Schwangerschaft und Geburt bei mir hinterlassen hatten.

Die Zweite Reaktion war Wut. Ich war wütend auf diese ignorante Frau, die es sich herausnahm über mich zu urteilen, aufgrund eines Wortes. Man kann wohl kaum behaupten man kenne ein Buch, nur weil man den Titel schon mal gehört hat.

Und so verhält es sich doch auch mit dem, was wir hier tuen. Instagram, Facebook, das Bloggen. Wir geben einen Teil unseres Lebens frei, manche mehr manche weniger, aber doch läuft es bei allen auf das selbe heraus. Manche tuen es um Aufmerksamkeit zu bekommen, andere haben Freude am schreiben oder Fotografie, wieder andere wollen helfen und es gibt Menschen wie mich, die das Schreiben nutzen um das Erlebte zu verarbeiten, positives wie negatives.

Und auch bei Profilen, kleinen wie großen, sollte man das Gesamtbild nicht aus den Augen lassen. Wir urteilen, alle, verborgen oder öffentlich, urteilen tut jeder. Und das ist auch völlig in Ordnung, ein Selbstschutz. Was dabei nicht vernachlässigt werden darf ist die Fähigkeit, sich in andere Personen einfinden zu können.

Ein Beispiel:

  • Wir treffen auf der Strasse auf eine völlig fremde Frau. Sie sieht etwas verwahrlost aus, die Haare sind nicht gemacht, die Kleider passen nicht zusammen, sind fleckig. An ihrer Hand ein Kind, vielleicht ein Jahr alt, vielleicht auch zwei.

Die Situation ist Folgende:

  • Die Frau, höchstwahrscheinlich die Mutter des Kindes, packt das Kind fest am Arm. Das kleine, wehrlose Menschlein weint und schreit. Die Mutter zerrt an dem Kind und ist aufgebracht, schreit es an.

Die Reaktion von 90% aller Außenstehenden ist beschämtes wegsehen. 9% greifen ein und Verurteilen die Mutter, die, höchstwahrscheinlich auch zu Hause zur Gewalt neigt. In unseren Köpfen spielen sich die schaurigsten Szenen ab. Das Kind tut uns unendlich leid, so eine Mutter, solche Eltern zu haben.

Was wir nicht wissen ist, dass diese Frau alleinerziehend ist. Da der Vater des Kindes nicht willig ist zu zahlen geht sie Arbeiten, jeden Tag. Sie hat keinerlei Unterstützung und ist mit ihren Sorgen und Ängsten alleine. Trotzdem hat das Kind ein eigenes Zimmer, genug zu essen, sauber Kleidung und ein liebevolles zu Hause, es gibt doch nur die Zwei. Jede freie Minute investiert die Frau in das Kind, jeden gesparten Cent.

In dieser Situation wollte das Kind auf die Straße laufen, es rannte einfach los. Die Nacht war hart, die Mutter wachte über den Schlaf ihres fiebernden Kindes, wechselte Umschläge und hielt das Kind fest. Sie selbst bekam kein Auge zu. Die Frau, über die gerade so hart geurteilt wurde ist völlig übermüdet, überfordert und hatte in diesem Moment Todesangst. Angst um das Wichtigste im Leben.

Zu ihr hinzugehen, sie zu beruhigen und sie zu fragen, ob man ihr denn helfen könnte, hätte sie vielleicht davor bewahrt noch am selben Abend voller Selbsthass und -zweifel weinend auf der Couch zu sitzen. Doch wir stehen nur da und fragen uns was für ein schrecklicher Mensch das sein muss.

Was ich damit sagen will ist einfach. Es ist natürlich zu Urteilen, doch eine Empathie zu entwickeln ist, was uns menschlich macht. Denkt nach, bevor ihr jemanden verletzt. Benutzt euren Intellekt, um hinter die Fassade eines jeden zu blicken und stellt Dinge in Frage.

Reflektiert euer eigenes Handeln und denken. Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Jeder ist mal genervt, müde, wütend oder einfach nur schlecht gelaunt. Mutig sind die, die ist es zugeben können.

Und natürlich liebe ich meine Tochter über alles. Sie ist das wertvollste in meinem Leben. Und auch mein Mann ist der wichtigste Mensch, ich liebe ihn unendlich. Aber trotzdem bringt mich das Kind an meine Grenzen. Trotzdem kann mich niemand so wütend machen wie Pascal. Die Menschen, die man liebt, können einen am schlimmsten verletzen, sie können aber auch jede Wunde heilen.

3 Comments on “Der Kategorische Imperativ|Durch Selbstreflexion ein besserer Mensch?

      • Wenn man in der Lage ist es zu reflektieren, ist das immer gut. Kann leider auch nicht jeder 😢 und glaub mal… Ich war teilweise so mit den nerven runter (gerade in den Schubphasen am Anfang, wo man noch so richtig dabei ist das Mama sein „zu lernen“) das ich entweder den Tag duechgeheult habe oder darüber nachdachte, wo ich den Terrorzwerg an besten aussetzen kann. Ja. So war das! Aber letztendlich liebe ich diesen Terrorzwerg. Aber solche Gedanken muss man zuweilen einfach gaben und auch aussprechen dürfen.

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