Stillen ist Liebe | Flasche geben auch

Von Anfang an hatten die Perle und ich mit dem Stillen zu kämpfen. Das fing schon an, da hatte ich Sie noch gar nicht gesehen. Eine erste Begegnung mit Hindernissen

Nach meinem Kaiserschnitt, der doch etwas plötzlicher kam als gedacht und geplant (war er nämlich gar nicht), musste ich geschlagene 5 Stunden warten, bevor mir jemand meine frisch geschlüpfte Tochter unter die Nase hielt.

Schon zur Anmeldung der Geburt gab ich an das ich stillen möchte. Auch unter der Geburt gab ich es immer wieder an. Selbst im OP, als der nette Anästhesist mich versuchte von den Schmerzen, die ich leider zu spüren bekam, abzulenken, erzählte ich ihm das ich unbedingt stillen möchte.

So bekam ich also dieses kleine, perfekte Wesen ins Zimmer gebracht, ich selbst hatte meine Beine erst ca. 10 Stunden nach der OP wieder im Griff, und bevor ich noch mein entzücken kundtun konnte, sagte die Hebamme: „Wir haben ihr schon mal eine Flasche gegeben, sie hatte Probleme mit der Glucose, anlegen dürften sie sie eh nicht, sie ist ja viel zu schwach und stillen wollten sie ja nicht, oder?“

Hört mir eigentlich jemand zu?

Mir verschlug es den Atem. Sie hatte die Flasche bekommen, das wollte ich nicht. Weder mein Mann noch ich wurden gefragt.

Natürlich hatte ich mich in der Schwangerschaft eingelesen. Die Angst vor einer Saugverwirrung und das sie die Brust nicht akzeptiert war riesig. Und natürlich bin ich beeinflussbar. Da stand medizinisches Fachpersonal vor meinem Bett. Heute weiss ich es besser, heute steigen noch immer Tränen der Wut in mir auf, wenn ich an diesen Moment denke.

Und da lag Sie, in meinen Armen. Diese kleine Perfektion, dieses winzige Mädchen und ich? Ich empfand nichts.

Natürlich fand ich sie süss, alle Babys sind süss. Und natürlich registrierte ich, dass das jetzt mein Kind ist. Aber diese Muttergefühle, von denen alle sprechen, diese Hormonexplosion, die blieb aus.

Was mach ich denn jetzt mit diesem kleinen Wesen? Stillen durfte ich Sie nicht. Sagte ja das medizinische Fachpersonal. Es war mitten in der Nacht, wir waren alleine. Sie lag da, schlief und ich weinte bittere Tränen. Was stimmte mit mir nicht? Warum konnte ich das Kind nicht lieben?

Es kostete mich viel Kraft. Und erst als wir zu Hause waren, ich sie trotz Warnungen angelegt hatte, meine Milch einschoss und wir die Ruhe und die Intimität des Stillens geniessen konnten, verarbeitete ich langsam diese, für mich, traumatischen Tage.

Und erstens kommt es anders…

Doch das Glück war uns nicht lange Hold. Knatschi schlief Anfangs immer ein beim stillen, sie wurde dadurch nicht richtig satt und nuckelte letztenendes mehr, als es die Sache Wert war. Dadurch löste sie allerdings wahre Produktionsträume in meinen Milchdrüsen aus. Pumpen konnte ich dummerweise gar nicht, so lief ich regelmässig über und das Kind wurde trotzdem nicht satt.

Zu allem Überfluss schlich sich dann ein fieser Hefepilz Namens Soor bei uns ein. Anlegen wurde unmöglich. Der Schmerz und der Juckreiz machte mich rasend. Ich hielt es Zeitweise nicht länger als 5 Minuten unter Tränen aus. Und wieder griff ich zur Flasche. Zu diesem Zeitpunkt war es mir psychisch nicht möglich Knatschi mit der Flasche zu füttern. Es zerriss mich innerlich, der Gedanke, dass ich mein Kind nicht ernähren konnte, dass ich es nicht geschafft habe sie natürlich zu entbinden. In mir war Leere.

Dazu kam, dass die Perle schrie, sie hatte Koliken, so schlimm das Ihr die Luft weg blieb und sie Blau anlief. Ausserdem war da der Hunger, von dem ich ja nicht mal im entferntesten wusste.

Nach 8 Wochen, vielen Tränen, psychischen Problemen und mehreren Nervenzusammenbrüchen rettete mich Antibiotika vor einer fiesen Wochenbettdepression. Eine Depression, die nicht hätte sein müssen, wenn das medizinische Fachpersonal vielleicht etwas sensibler gewesen wäre. Eine Depression die man hätte verhindern können, wenn man die Zeichen besser gedeutet hätte.

Nach einer Infektion mit einem multiresistenten Keim eröffnete mir mein Frauenarzt, dass ich eine 25- tägige Kur beginnen muss, eine Kur mit einem Antibiotika, das nicht stillfreundlich ist. Meine Welt brach zusammen. Ich musste Abstillen.

…und zweitens als man denkt!

Von heute auf morgen bekam Sie nun die Flasche, die Umstellung war hart. Für uns beide. Sie musste auf alles verzichten, was sie bis dahin mit Liebe und Geborgenheit verbunden hat. Ich musste lernen, sie zu beruhigen, in den Schlaf zu schaukeln, ihr genug Zuneigung zu schenken und dass, ohne sie an die Brust zu nehmen. Stillen war bis dahin für mich der Inbegriff von Liebe, wie ich ihr Liebe geben sollte, während ich ihr das wertvollste überhaupt verweigerte, war mir ein Rätsel.

Immer wieder verweigerte sie die Flasche, nahm sie von jedem aber nicht von mir. Sie weinte, suchte, schrie und man merkte ihr die Verzweiflung und die Wut regelrecht an. Der Spuk ging eine Woche. Nach einer Woche hatten wir es geschafft, wir haben einen Rhythmus gefunden. Mir tut es immer noch weh ihr die Flasche zu geben. Stilleinlagen, meine Pumpe, alles, was ich mit Stillen in Verbindung bringe, habe ich in Kisten verbannt oder verschenkt.

Beim nächsten Kind werde ich wieder stillen. Ich gebe den Kampf nicht auf. Nur werde ich dann auf medizinischen Fachpersonal pfeifen. Dann werde ich meinen Willen durchsetzen. Und ich werde es für mich tun, fur meine Psyche und nicht, weil die WHO und Facebook, das Internet und Ratgeber es empfehlen. Natürlich auch für das Kind. Aber vor allem fur mich, so egoistisch das klingen mag.

Sensibilisiert euch

Ohne nachzudenken habe ich Bilder gepostet, beim Stillen, immer mit dem Hashtag „#stillenistliebe“ versehen. Nie habe ich darüber nachgedacht wie verletzend das gegenüber den Frauen ist, die wie ich um eine Stillbeziehung gekämpft haben und die sich ihr Versagen letztendlich eingestehen mussten.

Ja, stillen ist liebe. Aber Flasche geben auch. Denn alles, was ich tue, um dieses kleine Wesen, das ich erschaffen habe glücklich und zufrieden gross zu bekommen ist Liebe. Drei kleine Worte, die eine Frau von einer beginnenden Depression in eine Tiefe stürzen können. Drei kleine Worte, die eine Mama das Gefühl geben versagt zu haben, schlecht zu sein, nicht gut genug zu sein.

Ich bitte euch darüber nachzudenken, wenn ihr das nächste mal einen solchen Hashtag benutzt. Ich habe aus meinem Fehler mehr als gelernt.

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